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Virabhadra Yoga - Der Yoga des Kriegers

„Im Menschen wohnt eine Kraft, die keine Furcht kennt.
Diese Kraft bist du.“

Kurzfassung:
Virabhadra Yoga ist ein Ritual für den inneren Krieger. Der Mut zur Veränderung kann durch den Virabhadra Zyklus geweckt und Hindernisse überwunden werden. Die Übung bahnt einen Weg zur Selbstermächtigung.

 

Der innere Krieger ist ein Symbol für den Beschützer. Er ist eine Verkörperung der Kraft, die sich gegen Widrigkeiten behauptet. Der Krieger kann auch als ein Teil der menschlichen Persönlichkeit betrachtet werden. Im Yoga und in den Kriegskünsten wird er seit Jahrtausenden in seiner Tiefendynamik kultiviert.


Mythologie des Kriegers
In den Mythologien der Welt tauchen Krieger als Helden auf. Sie kämpfen gegen Drachen, Monster, Hexen und Dämonen. Es sind Narrative verschiedener Kulturen. Sie beschreiben Lösungen für vermeintlich unlösbare Konflikte, die mit Metaphern und Gleichnissen ausgedrückt werden.
Am Anfang steht der Krieger, der bereit ist, sich einer tödlichen Bedrohung zu stellen. Er steht für den Mut, sich gegen das Übermächtige aufzulehnen. Sein Motiv ist das Heil: durch seinen Kampf rettet er die Welt und dadurch sich selbst. Er ist Wegbereiter für ein besseres Leben, Archetyp und Teil jedes Menschen.
Tiefenpsychologisch thematisieren der Krieger und sein Weg zum Helden die Dynamik des Unbewussten: Sie verleiht dem lebensbedrohlichen Konflikt eine innere Bühne. Der Held steht symbolhaft für die Kraft, ihn zu überwinden. Es bedeutet auch: das Loslassen des alten Selbst, und die Geburt eines neuen Selbst.

Der neurophysiologische Krieger
Das Erscheinen des Kriegers ist gekoppelt mit dem Nahen eines Krieges. Kontrollverlust droht. Chaos steht vor der Tür. Neurophysiologisch entspricht dies der starken Erregung des Reptiliengehirns, dem stammesgeschichtlich ältesten Teil des menschlichen Gehirns. Dort wird die Kampf-Flucht Reaktion gesteuert. Bei Bedrohung werden die Stresshormone Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Der ganze Körper und die Psyche werden so aufs Kämpfen oder Flüchten vorbereitet. Der Kreislauf und die Muskulatur werden aktiviert. Gleichzeitig verringert sich die Aktivität des Großhirns, was ein Verlust von Bewusstsein, Kreativität und Empathie nach sich zieht.
Heutzutage manifestiert sich dieser ursprünglich als kurzfristig angelegter Reflex nicht selten als ein Dauerzustand. Dies kann schädliche Folgen für den Körper nach sich ziehen, wie Herz-/Kreislauferkrankungen, Diabetes, Schilddrüsenfehlfunktionen, sexuelle Dysfunktionen, chronische Verspannungen und Schmerzen, sowie psychische Störungen. Die Überlebenskompetenz des Körpers läuft Amok.
Ein trainiertes Gehirn ist in der Lage, diese Reaktion zu steuern. Eine bildliche Manifestation dieser Fähigkeit kann der ‚Krieger‘ sein. Aus yogischer Sicht reitet der Krieger sozusagen auf der Kampf-Flucht-Hochenergie. Dies ist ein Aspekt von Kundalini Shakti‚ auch ‚Schlangenkraft‘ genannt. Der Krieger ist der Bändiger dieser Kraft. Statt Kontrollverlust kann Selbstbestimmung etabliert werden. Das weist einen Weg aus blinder Agitation oder Ohnmacht. Ungewollte Starre und Überanspannung können sich in einen positiven Fluß verwandeln.

Etymologie Virabhadra
Der Ausdruck Vīrabhadra वीरभद्र stammt aus dem Sanskrit. Vira bedeutet ‚Held‘ und Bhadra ‚Freund‘, gemeinsam übersetzt ‚der heldenhafte Freund‘ oder ‚der freundliche Held‘. Virabhadrasana hieße demnach ‚die Haltung des freundlichen Helden‘. Bekannt ist die Haltung als ‚Kriegerhaltung‘. Der korrekte Sanskrit-Begriff für Krieger lautet jedoch ‚Yoddha‘. Yoddhasana wäre also die genauere Entsprechung für ‚Kriegerhaltung‘.
In der indischen Mythologie ist Virabhadra die männliche Verkörperung von Shivas Zorn und Bhadrakali die weibliche Form. Shiva selbst gilt als Gottheit und Symbol für das höchste Bewusstsein. Übermannt vom Schmerz über den Verlust seiner geliebten Frau Sati, verfiel er in rasenden Zorn: Sati hatte ihren menschlichen Körper in Flammen aufgehen lassen, um ihren arroganten Vater Daksha zu bestrafen. Dieser hatte ein Ritual zu Ehren der Götter veranstaltet, ohne Shiva einzuladen. Bhadrakali verwüstete daraufhin den Ritualplatz und Virabhadra enthauptete Daksha.

Historische Entwicklung
Die Bezeichnung Virabadhrasana entstand vermutlich im 19. Jahrhundert. Die erste schriftliche Erwähnung geschah durch den Acharya Tirumalai Krishnamacharya.
Da Yoga eine Jahrtausende alte, mündlich überlieferte Lehre ist, könnte der Name schon länger verwendet worden sein. Viele Techniken galten über Jahrtausende als geheim. Sie wurden paramparam, ausschließlich vom Lehrer an den Schüler, vermittelt.
Ein Indiz auf den Ursprung dieser Haltung sind die Krieger-Shivasana-Skulpturen in den Ellora Höhlen in Maharashtra/Indien. Sie gehören zum UNESCO Welt Kultur Erbe und ihr Alter wird auf 600-1000 n. Chr. geschätzt. Ebenso wird sie variantenreich in der vermutlich ältesten systematischen Kriegskunst der Welt, dem indischen Kalarippayat, trainiert. Diese verschmilzt Kriegskunst mit der tiefgehenden Geistesschulung des Yoga. Damit kann sie als Vater der ostasiatischen Kampfkünste vom Shaolin Kung-Fu bis zum später entstandenen Budo, gedeutet werden. Ihr Alter wird auf ca. 300 v. Chr. bis 4000 v. Chr. geschätzt.

Asana
Virabhadrasana gehört zur Familie der Dreieckshaltungen, auch Trikonasana genannt. Diese zeichnen sich durch Aufrichtung, Ausrichtung und Zentrierung aus. Sie haben eine tiefgreifende Wirkung auf die Halte- und Muskelkettensysteme des ganzen Körpers. Diese Asana-Familie kann Haltungsstörungen und Fehlhaltungen korrigieren. Das Herz-Kreislaufsystem wird durch regelmäßiges Üben gestärkt und die Ausdauer verbessert. Auf feinstofflicher Ebene wird Manipura Chakra geweckt und gestärkt – das Zentrum für Energie und Kontrolle für Aggression.

Virabhadrasana-Zyklus
Die Virabhadrasanas bilden mit weiteren Asanas eine Sequenz. Diese besteht aus 14 Haltungen, in welcher der Fokus erst auf die rechte Körperhälfte gerichtet wird. Danach folgt sie mit Fokus auf die linke Körperhälfte. Das ergibt insgesamt 28 Asanas, die einen Zyklus bilden. Die Sequenz ist so angeordnet, dass sie systematisch den freien Energiefluss im ganzen Körper anregt. Dafür sorgt die ausgewogene Auswahl von streckenden, drehenden, vorwärts-, rückwärts-, seitwärtsbeugenden und Energie weckenden Asanas. Dieser Zyklus ist das Fundament für das Ritual.

Mantras, Yantras & Pranayama
Je stabiler das Fundament, desto sicherer steht der Tempel. Dieser Tempel sind die Mantras, Yantras, Pranayama, Mudras und Bandhas. Sie bilden ein sich gegenseitig verstärkendes Ganzes für einen freien Energiefluss. Bewegung und Haltung vereinen sich mit Atem und Achtsamkeit. Die tantrisch-yogische Logik bildet den Hintergrund für die Komposition der verschiedenen Elemente: Mantras und Yantras halten die Aufmerksamkeit in einem Zustand der Konzentration. Pranayamas, Bandhas und Mudras kanalisieren die Energie. Asanas verankern das Erleben im Körper. Bewusstsein und Energie lösen sich aus ihrer Trägheit – der Tempel erwacht zum Leben.

Der Virabhadra-Zyklus: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“
Das Ritual beginnt mit dem Anrufen der eigenen Kraft. Der Krieger wird visualisiert. Dieses Bild schlägt eine Brücke zur Kraft des Unbewussten. Als nächstes wird eingeladen, ihm einen Namen zu geben, um ihm eine Identität zu verleihen. Dies kann die Verbindung zum inneren Krieger vertiefen. Ein namenloser Krieger wäre jedoch auch möglich. Was zählt ist das authentische Erleben.
Daraufhin folgt der wichtigste Aspekt des Rituals: das Sankalpa, der Vorsatz oder Entschluss. Das Sankalpa gleicht einem Samenkorn, das in frische Erde gelegt wird. Es wird in einen positiven Satz gefasst und gedanklich oder laut gesprochen, z. B. „Ich überwinde meine Zweifel“, „Ich werde standhaft sein“ oder „ich werde siegen“. Die Wirkung kann sich vertiefen, wenn es mit dem Erleben verbunden wird als sei es bereits Realität. Dieses ‚als ob‘ ist die große Ressource des Übenden. Aus dieser heraus entfaltet sich der Verwirklichungsimpuls. Anschließend wird das Sankalpa ins Unbewusste entlassen. Dort darf es sich verankern.
In der nächsten Phase manifestiert der Virabhadra-Zyklus mit seinen Techniken die verschiedenen Fähigkeiten des inneren Kriegers: Mut, Ausdauer, Disziplin, Stärke, Hingabe und Gerechtigkeit. Die kriegerischen Tugenden werden auf diese Weise erinnert, verstärkt und verinnerlicht als synergetische Spirale.
Wie auf einer inneren Leinwand kann der Übende sich dabei selbst als Krieger sehen. Widerstände können als reale oder fiktive Gestalten, Wesen oder Umstände imaginiert werden. Diese können besiegt, in den Dienst genommen oder transformiert werden. Konflikthaftes Erleben kann so entschärft und in positives Erleben verwandelt werden.
Analog dazu wird die Fähigkeit trainiert Kontrolle über die Emotionen zu bewahren, so dass einer Überforderung jederzeit entgegengewirkt werden kann. Dieses Regulieren wird durch eine freischwebende Aufmerksamkeit eingeübt. Auf diese Weise kann dem klugen Unbewussten beim Konfliktlösen zugeschaut werden. Der Übende wird eingeladen seine kindliche Neugier wiederzuentdecken. Diese kann zur Kraft werden, die neue Wege findet.
Der Zyklus mündet in einer Entspannungsphase, in Shavasana, der Totenhaltung, um die Regenerations- und Wachstumskräfte zu wecken und schließlich in Meditation: dem absichtslosen Beobachten der geweckten Wirkkräfte.

Fazit
Das Leben kann manchmal ein Schlachtfeld sein. Virabhadra Yoga lädt ein, das innere Schlachtfeld in einen Ort des Sieges zu verwandeln. Seine Wirksamkeit entfesselt es durch die meditativ-zyklische Aufmerksamkeitsfokussierung. Die Dynamik der Asanas gießt Imaginiertes gleichsam in Erlebtes. So entpuppen sich verborgene Wirkmechanismen von Körper, Energie und Bewusstsein. Erstarrten Kräften können neue Impulse verliehen und die Resilienz gestärkt werden.
Seine Kraft entfaltet dieses Evolutionsritual aus dem systemischen Spiel von klassischen Yoga- und Tantra-Techniken. Archetypisch betrachtet bahnt es der Transformation vom Krieger zum Helden den Weg. Diese ist Entwicklungsbild für das Zähmen der Urenergie im Unbewussten, der Kundalini. Oder einfacher ausgedrückt: Sie weckt den Mut zur Veränderung.  
Auf diese Weise wird das Ritual zu einem Werkzeug der Selbstermächtigung. Der Grad der inneren Freiheit kann wachsen, sich in Gelassenheit, Freude und vielleicht, in Weisheit verwandeln – Virabhadra Yoga als eine Quelle für das Wohl des Lebens.


Anmerkung: Virabhadra Yoga wurde aus vedischen, tantrischen und yogischen Quellen zusammengestellt.

Quellen:Der Heros in tausend Gestalten, Joseph Campbell, Insel Verlag,1999;Der Mensch und seine Symbole, C. G. Jung, Patmos Verlag, 2012; Kundalini Tantra, Swami Satyananda, Ananda Verlag, 2008; When the body becomes all eyes, Phillip B. Zarrelli, 2000; Zitat des deutschen Dichters Friedrich Hölderin

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